Man muss fühlen, was man spielt
Kronenzeitung, Interview 12.9.2009
Starpianist Andreas Woyke gastierte am 16. September bei den „musikabendenGRAZ“
Für die gemeinsamen Beethoven-Interpretationen mit seinem langjährigen Cellopartner Friedrich Kleinhapl fährt er derzeit enthusiastische Kritiken ein. Am 16. September stellt er im Grazer Kammermusiksaal den Jahresregenten Joseph Haydn ins Zentrum. Aber Andreas Woyke hat seinen eigenen Zugang zur Klassik. Im Interview erzählt er, was er sich bei Friedrich Gulda abgeschaut hat.
Herr Woyke, auf Ihrer CD "braiding bach" kombinieren Sie Bach mit eigenen Stücken. Am 16. September ist Joseph Haydn an der Reihe. Was kennzeichnet die Eignung dieser zwei Komponisten für eine solche Herangehensweise?
„Der Zugang ist für mich schon ein ähnlicher. Ich glaube, dass beide stark von der Improvisation geprägt sind in ihrer Art des Komponierens, auch wenn bei Bach alles architektonisch meisterhaft durchgeführt ist. Bei Haydn fällt mir immer der unerschöpfliche Ideenreichtum auf. Der konnte in eine Sonate so viel Material packen, wie andere in drei Sonaten. Die Improvisation ist auch das Bindeglied zwischen der klassischen komponierten Musik und meiner eigenen. Zu dem Schritt, beides im Konzert zu verbinden, habe ich mich durch die Programme von Friedrich Gulda ermutigen lassen.“
Wo würden Sie denn Ihre eigene Musik stilistisch einordnen?
„Die ist sicher sehr stark vom Jazz beeinflusst. Wobei ich vorsichtig wäre mit der Behauptung: Das ist Jazz. Was den Jazz betrifft, bin ich Autodidakt, und kompositorisch orientiere ich mich eher an der klassischen Formensprache.“
Kann der klassische Interpret vom Jazzmusiker lernen?
„Unbedingt. Ich würde jedem Klassiker dazu raten, sich mit dem Jazz zu beschäftigen, vor allem unter dem Aspekt des Improvisierens. Man lernt dabei, mit der klassischen Musik freier umzugehen, sich auch einmal in die Köpfe der Komponisten hinein zu versetzen.“
Und umgekehrt? Gibt es da Wechselbeziehungen?
„Umgekehrt kann der Jazz von der Komplexität und Vielfalt klassischer Formen profitieren. Pat Metheny oder Al DI Meola haben das getan, sind weit über den Song hinaus gegangen. Ich würde sagen, dass die gegenseitige Offenheit - vor allem bei ausübenden Musikern - heute auf einem ganz guten Weg it.“
Sie unterrichten seit 1995 in Graz. Worauf legen Sie bei Ihren Studierenden Wert?
„Auf Individualität. Auf die kompromisslose Suche nach Individualität. Ich möchte das Gefühl haben: Da sitzt jemand, der fühlt, was er spielt. Es ist wichtig, in die Tiefe zu gehen, nicht an der Oberfläche stehen zu bleiben. Musik mit größtmöglicher Unmittelbarkeit zu machen, Dinge zu hinterfragen.“
Interview: Matthias Wagner