
das
tagebuch
Anfang
März
Vorm PC. Es wird Zeit fürs Plakat. Doch dafür müssen
erst mal aktuelle Photos aller Mitwirkenden her -
junggeblieben sind wir alle, aber wir brauchen keine 20
Jahre alten Konterfeis, um das auch der Öffentlichkeit
zu bekunden. Also - ran ans Telefon. Ich kann ja ohne
Photos schon mal beginnen. Innerhalb kurzer Zeit entsteht
ein Entwurf, der ganz und gar ohne Bilder auskommt. Das
spart ungefähr die Arbeit ein, die das Design in
Anspruch nehmen wird. Im Übrigen sind nur Claudia und Jörg-Martin
meiner Bitte um Photos gefolgt. Na wundervoll ... aber
diese beiden erstrahlen dafür in einem unvergleichlichen
Glanz und werden sicher beim nächsten CD-Cover zum
Einsatz kommen. Warum das erste, was ich auf meine leere
Bitmap tippe, "Vino Tinto" heißt, weiß ich
eigentlich gar nicht. Es passiert einfach. Und in diesem
Moment ist mir völlig klar, daß wir diesen Pasillo von
Fernando Garcia, den Klaus Johns für 8 unserer im
Einsatz befindlichen Hände bereits anläßlich des
letzten Mareschkonzerts arrangiert hatte, wieder spielen
werden. Und der ganze Vormittag wird dieses Motto tragen
- in besonderer Erinnerung an Klaus, dem wir dieses
Konzert widmen möchten.

Mitte März
Auf einmal bekommt die Nummer ein Gesicht. Das, was in
meinem Kopf seit beinahe einem Jahr in Form loser
Harmoniefolgen herumgeistert, besitzt auf einmal ein
Intro, eine prägnante Melodie und einen völlig neuen
Schluß. Ich liebe den Frühling. Er spendet eine
Inspiration, um die man in den langen, dunklen
Wintermonaten oft verzweifelt kämpft. Mein Entschluß,
dieses Stück mit der Band beim Mareschkonzert zu
spielen, steht fest. Und einen Titel werde ich bis dahin
wohl hoffentlich auch finden ...

1. April
Es hat gewirkt. Eike hat den Einsatz aber so was von präzise
auf den Punkt erwischt! Ob das ohne meine etwas
frotzelnde Bemerkung vom Tage zuvor bezüglich seines
Nervenkostüms vor seinem ersten Einsatz auch so gegangen
wär? Dafür, daß wir es fast ein Jahr nicht mehr
gespielt haben und jeder mangels Notenmaterials einen aus
Partiturresten selbst gebastelten Notenflickenteppich vor
sich stehen hat, läuft "Vino Tinto" wirklich
gut! Beinahe hätte uns dieser Höhenflug von dannen
getragen, wäre da nicht - ebenso flügge - die Nachricht
hineingeweht, daß eine nicht ganz kleine Organisation
zur Förderung junger Talente ihr Preisträgerkonzert
trotz unserer dezidierten Absicht, eine Terminkollision
wie 2003 und 2004 zu vermeiden, in einer Nacht- und
Nebelaktion punktgenau auf unseren Termin verschoben hat.
Der zweite Aprilscherz des Tages, aber der erste meines
Sohnes Daniel war besser. Ach so, es ist gar keiner? Aber
wirklich wahr sein kann's nicht, oder? Na vorbildhaft! Da
hilft nur noch ein kühles Blondes im Maiffredy, wo wir
auch den ersten Programmentwurf machen und alles
besprechen.

Erste Aprilwoche
Es hat mit dieser speziellen Frühlingsstimmung zu tun,
die ich durch meine beiden Italienbesuche in den
vergangen Jahren noch intensiver empfinde. Es hat mit
viel Licht zu tun ... ein Gebet ans Licht. Der
Programmentwurf ist fertig und ich nenne es schließlich
"Adoration of Light". Die erste Probe mit der
Band ist mehr als vielversprechend. Kein Wunder bei
solchen Musikern! Der Probenplan ist ebenfalls fertig und
wird circa fünf mal geändert. Ganz normaler
Musikeralltag halt ...

Zweite Aprilwoche
Die bestellten CDs vom Mareschkonzert 2004 kommen mit dem
Paketdienst - und entgegen mancher Befürchtungen sind
alle unversehrt. Der von Frau Walchensteiner bereits
mehrfach erwähnte eiskalte Kärntner Winter hat sie
offensichtlich verschont ...

14. April
Heli hat nicht nur mein Gekritzel erfolgreich entziffert,
sondern spielt die Nummer mit so viel Feeling, daß es
eine wahre Freude ist. Nach einem Jahr Wartezeit kommt
mein 2-Piano-Arrangement des 12. Children's Songs von
Chick Corea nun endlich aufs Programm eines Maresch-Konzerts
- gut Ding will ja bekanntlich Weile haben. Allerdings
landet die an die Probe anschließende Pizza im Fontana,
in deren Genuß ich nur aufgrund mangelnden Fassungsvermögens
meines Duo-Partners und seiner Freundin Simona komme,
erstaunlich schnell auf dem Teller und straft jenes
Sprichwort Lügen, denn auch sie ist ausgezeichnet!

16. April
9 Uhr. Langsames Schlurfen dringt an mein Ohr. Ist er
gerade erst aufgestanden? Langsam öffnet er die Tür.
Daniel, seines Zeichens Tontechniker mit feinsten Ohren,
eröffnet mir mit tiefen Ringen unter den Augen, daß es
aufgrund eines ausgedehnten Gelages in der vergangenen
Nacht erst eine Stunde später losgeht. Ok, 10 Uhr
wiederkommen, in der Zeit Besorgungen machen.
10 Uhr. Langsames Schlurfen dringt an mein Ohr. Ist er
gerade erst aufgestanden? Langsam öffnet er die Tür.
Ich glaube, ich bin Wetterfosch Phil alias Bill Murray in
"Und täglich grüßt das Murmeltier". War das
nicht das Band von vor einer Stunde? "Ähm ... ja
... ich steh jetzt auf ..." Weia! - aber nur ruhig
bleiben! Noch hat 7-Sterne-Bräu-Chili-Bier niemanden
nachweislich umgebracht. Eine weitere Stunde später
schaffen wir es tatsächlich zu Aufbau und Soundcheck in
die Aula, wo Uli bereits mit Ewald und Gregor probt.
11 Uhr. "Straight, no Chaser" von Theolonius
Monk soll unser All-Star-Blues am Ende des Konzerts
werden. Wie Uli nach eines probeweise schon recht
gelungenen gemeinsamen Jams über das Thema selbiges mit
Coolness anspielt, sehe ich Speedy schon im Geiste die
Nase rümpfen, warum wir nicht die "Vital
Information" Nummer bringen - ebenfalls ein Blues
auf F, aber schrill funkig und weitaus weniger cool als
das Monk-Stück.
17 Uhr. Nach einer traumhaft gelungenen Version meiner
"Adoration" drück ich sie ihm in die Hand.
"Straight, no Chaser? Müss ma des spün?" Ich
erkläre ihm, daß wir einen Blues in F als gemeinsamen
Abschlußjam machen wollen, worauf er entwaffnend
entgegnet:"Da hätt ma jo 'Au Privave' nehmen können,
is jo aa a Blues in F, oba ned so a fades Thema ..."
No way - wir spielen die Nummer an und ich schmunzele ob
meiner fast perfekten Vorhersehung.

17. April
9 Uhr. Meine Bedenken, die Zwischentür zur Aula könnte
wieder mal versperrt sein, zerstreuen sich schnell, denn
unsere liebe Portiersdame Monika Russ ist schon da. CD-Tisch
aufbauen, alles vorbereiten. Langsam trudeln die andern
Musiker ein, ebenso auch die ersten Zuhörer.
10 Uhr. Ich warte auf meine Studenten, derer sechs sich
bereiterklärt haben, die Spendenkörbchen am Einlaß zu
halten. Aber bis 10.15 Uhr nehme ich mir vor, nicht in
Panik zu verfallen, was allerdings nicht leicht ist, da
ich bereits seit geraumer Zeit mein Schlüsselbund suche,
an dem neben tausend privaten auch drei Schlüssel der
Kunstuni hängen.
10.15 Uhr. Das Schlüsselbund ist wieder da, meine
Studenten hingegen glänzen durch Abwesenheit.
Gottseidank gibt es ein paar treue Zuhörer aus den
andern Klassen, und so kann ich Ayumi, Studentin von
Markus Schirmer, zumindest so lange gewinnen, bis meine
eigene Studentin Kristina auftaucht und übernimmt.
10.30 Uhr. Wieder haben wir es geschafft, trotz erwähnter
terminlicher Kollisionen die Hütte bis auf den letzten
Platz zu füllen. Das Barbara Maresch Konzert ist eine
Kultveranstaltung, die aus Graz nicht mehr wegzudenken
ist. Nicht zuletzt auch dank Helis gewohnt persönlicher
und lebendiger Moderation, mit der er auch durch diesen
Morgen führt.
Janna eröffnet das Konzert mit einer spannenden,
stimmungsvollen und sehr klangsinnlichen Interpretation
der weithin unbekannt gebliebenen A-Dur-Variationen von
Beethoven, bevor sie auf Geheiß von Klaus Johns den
"Gok" - den tiefsten Ton des Klaviers - in
dessen Komposition "Ezlo" vernichtet.
Weiter geht es mit meinem Arrangement des 12. Children's
Songs von Chick Corea, den ich gemeinsam mit Heli spiele.
Dieser setzt das Programm fort mit seiner Jazz-Trio-Version
von Themen aus Händels Wassermusik gemeinsam mit Ewald
Oberleitner (b) und Gregor Josel (dr) und seiner Freundin
Simona. Genial umgesetzt - der alte George Frederick hätte
es wohl ziemlich genau so geschrieben, würde er heute
leben und mit uns regelmäßig im Maiffredy einkehren.
Jörg-Martin bringt die Lacher dieses Mal in der Rolle
des hypochondrischen Wieners, dem, wenn er nicht ewig nörgelt,
das Leben überhaupt gleichgültig ist, auf seine Seite,
bevor Heli und Simona mit einem schwungvollen, ironischen
Walzer von Poulenc fortfahren und uns aus der Wiener
Morbidität herausholen.
Diesmal das 8-hands-Feature nicht für den Konzertschluß
aufhebend, beenden wir - das sind Heli, Claudia, Eike und
ich - den 1. Konzertteil mit Vino Tinto. Und diesmal ist
es reif für die CD - nicht nur, weil es sehr schön
gelungen ist, sondern weil auch die CD natürlich diesen
Titel und Klaus' Namen tragen soll.
Monika und meine liebe Freundin Lisbeth spielen beim CD-Verkauf
in der Pause ihren ganzen Charme aus und tun damit das i-Tüpfelchen
dafür, daß das Geschäft so gut läuft wie selten zuvor
bei einem Mareschkonzert.
Speedy und ich holen mit seinem "Bossa" - heute
mal in recht kommoder Version - die Leute aus der Pause
wieder in den Saal, bevor Eike und Claudia die restlichen
50% des klassischen Anteils zum Konzert beisteuern. Dies
tun sie mit einer sehr fein und frisch interpretierten
Komposition von Mozart, einem Allegro mit Larghetto-Einleitung.
Danach führen sie uns in eine sehr andächtige Stimmung
mit ihrem Arragement von Bachs "Jesus bleibet meine
Freude".
Etwas Stimmungsvolleres hätte ich mir vor meiner "Adoration
of Light" nicht wünschen können, denn auch das
Publikum ist bereits ganz verzaubert. Uns - der Gruppe
D'Yamba mit Speedy, Patrick, Mathias und mir - gelingt
dann auch eine sehr spannungsvolle, späteren Feedbacks
der Zuhörer zufolge sehr bewegende Fassung meines
neuesten Stückes, mit der wir die Zuhörer weiter in
dieser spirituellen Stimmung halten können.
Uli und Heli fahren fort mit "Elm" von Richie
Beirach und die Mischung aus Meditation, Groove und ein
bißchen Humor, mit der sie diese Nummer spielen,
beeindruckt nicht nur deshalb so, weil es damit perfekt
zum Schlußset von Uli, Ewald und Gregor hinführt, das
aus "My Funny Valentine", "Words" (Eigenkomposition
von Uli aus Anlaß eines Tango-Konzerts mit Klaus) und
"I Hear a Rhapsody" besteht. Das Trio entzündet
mit diesen drei Nummern - insbesondere der letzten - ein
wahres Feuerwerk und bildet somit den fulminanten Abschluß
des ganzen Konzerts. Nach nicht enden wollendem Applaus für
alle Mitwirkenden bis hin zu rhythmischem Klatschen würde
"Straight, no Chaser" fast gemütlich rüberkommen,
aber Heli hat ein feines Gespür für knurrende Mägen
hungriger Musiker, die dringend etwas zum Schnuckern
brauchen! So rundet er den Vormittag mit einer kurzen
Schlußmoderation ab - und nach fast 3 Stunden Programm
ist auch ein begeistertes, aber dennoch ebenso hungriges
Publikum nicht böse, wenn die Zugabe ausfällt.
In Rekordtempo zählen Lisbeth und Monika die
Spendeneinnahmen und können uns eine stolze Summe von über
tausend Euro verkünden - auch diesbezüglich wird das
Konzert also ein voller Erfolg!
13.30Uhr. Gerüchte, beim Laufke gäbe es keinen Platz
mehr, weil ihn nicht nur Musiker, sondern auch allerhand
Zuhörer gestürmt haben sollen, zerstreuen sich
gottseidank schnell. Der Umsatz dieses Stammrestaurants
der Kunstuni wird mehr als zufriedenstellend sein und
kein Magen wird diesen Ort knurrend verlassen. Die
Lokalchefin hat alle Hände voll zu tun und Erinnerungen
werden wach an die oft äußerst eigenwillige, um nicht
zu sagen, bissige, aber stets amüsante Kommunikation
zwischen der Dame und dem Mann, dem wir dieses Konzert
aus vollem Herzen gewidmet haben: Klaus Johns.

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