Maurice Ravel:
Klavierkonzert D-Dur für die linke Hand (1930)
 
- persönliche Beschreibung zum Werk von Andreas Woyke -
 
 
 
Ravel hat dieses Klavierkonzert parallel zum bekannteren G-Dur-Konzert in den Jahren 1929 bis 1930 geschrieben. Das quirlige Werk in G-Dur, klassisch in 3 Sätzen gehalten, hatte er bereits seit längerer Zeit geplant gehabt, während er das einsätzige D-Dur-Konzert spontan im Auftrag des österreichischen Pianisten Paul Wittgenstein begann, dem nach einer Verwundung im ersten Weltkrieg der rechte Arm amputiert werden mußte. Wittgenstein, zum damaligen Zeitpunkt schon ein anerkannter Pianist, wäre wohl zwangsläufig am Ende seiner Karriere angekommen, hätte er nicht aus seiner Not eine Tugend gemacht und sein Pianistendasein mit einer Hand gleichermaßen intensiv fortgesetzt, was natürlich enormen Aufwand nach sich zog, da kaum Literatur für eine Hand allein existierte. So arrangierte er selbst etliche schon bestehende Werke und beauftragte gleichzeitig Komponisten wie Ravel, Prokofjev, Hindemith, Strauss, Korngold, Schmidt und andere, entsprechende Werke zu schreiben.
 
Wittgenstein brauchte einige Zeit, um mit Ravels Konzert warm zu werden. - nicht zuletzt aufgrund der starken jazz-harmonischen Prägung, die Ravel unter anderem aus seiner Amerikareise Ende der 20er Jahre bekam und die sich bekanntlich auch in anderen Werken wie zB dem Bolero wiederfindet. Schlußendlich begann er jedoch, das Werk zu lieben und so wurde es zum Schlüsselwerk, das ihm letztlich zu internationalem Durchbruch verhalf.
 
Interessant ist schon die Form des Werkes: Man könnte von einer Mischform zwischen Sonatenhauptsatzform und dreisätziger Anlage sprechen, ähnlich wie zB in den Sonatenwerken von Franz Liszt. Das Stück beginnt mit einer imposanten, sich stetig steigernden Orchestereinleitung, die sowohl vom bedrohlich wirkenden Klangteppich der tiefen Streicher mit Hauptthema im Kontrafagott(!) als auch von einem stark an das gregorianische Dies-Irae-Motiv erinnernden Blechbläser-Thema geprägt ist, das sich wie ein roter Faden durch das gesamte Werk zieht und ihm einen wichtigen Teil seines apokalyptischen Grundcharakters verleiht. Anschließend leitet das Solo-Klavier nach anfänglichen Kaskaden das Hauptthema ein, diesmal ruhig und majestätisch im harmonisch gefestigteren Umfeld eines lydisch angehauchten D-Dur. Dieses wird nach einer widerum konstanten Steigerung in monumentaler Manier vom Orchester wiederholt, das dann in das sehr zarte, sinnliche 2. Thema – wieder vom Klavier gespielt – hineinmündet. Anschließend folgt die Überleitung in den schnellen Mittelteil, den man als Durchführung bezeichnen könnte, obwohl er selbst eine Fülle neuer Themen bereithält und aus dem bisherigen Material nur die erwähnte Dies-Irae-Reminiszenz aus der Einleitung mit hinübernimmt, die im sehr an den berühmten Bolero erinnernden Fragment dieses Teils vom Fagott zu hören ist.
 
Ein kurzer, heftiger Stretto-Teil leitet ungestüm wieder in die Anfangs-Thematik über – der Teil des ersten Themas, den das Klavier in der Exposition alleine vorgestellt hatte, erscheint jetzt als großartiges und monumentales Orchestertutti zu Beginn der Reprise, bevor die Solokadenz des Klaviers deren Fortgang übernimmt - beginnend mit erwähntem Dies-Irae-Pendant und der hörbaren Imitation von Totenglocken, fortfahrend zunächst mit dem zarten zweiten Thema, später mit der schon aus der Exposition bekannten, hier nun nachdenklich-poetisch wirkenden Episode des ersten Themas. Im weiteren Verlauf zieht diese Kadenz unter Einbindung des Orchesters und mit letztem, schicksalhaften Aufbäumen der Erinnerung an Dies-Irae einen großen Spannungsbogen zur Coda, die mit 5 Takten aus dem Material des Mittelteils das Werk stürmisch beschließt.
 
Die Genialität dieses Werkes liegt in seiner Inspiration. Ravel dürfte in der Aufgabe, ein Klavierkonzert für nur eine Hand zu schreiben, eine enorme Herausforderung gespürt haben, die ihn beflügelt hat. In der einerseits wuchtig-monumentalen, andererseits feingliedrigen und exotischen Orchestration tut sich ein ebenso großer Kosmos auf wie im verblüffend komplett anmutenden Klaviersatz. Hinzu kam die ungeheure Technik, über die Wittgenstein verfügt haben muß, um das Werk in dieser Perfektion zu verwirklichen. Seine spätere Schülerin Erna Otten Attermann erinnert sich an eine Aufführung, die sie als Zwölfjährige im Wiener Musikvereinssaal miterlebte. Die Frage ihres Vaters, ob ihr nichts Ungewöhnliches aufgefallen sei, verneinte sie. "Mein Vater sagte mir dann, daß der Pianist nur mit seiner linken Hand gespielt habe. Ich konnte es nicht glauben."
 
Wittgenstein soll Ravel selbst noch den einen oder anderen Verbesserungsvorschlag gegeben haben – jedenfalls ist die Komposition für die Anatomie der linken Hand nahezu perfekt. Sollte ein Pianist verletzungsbedingt in die mißliche Lage kommen, das Stück nicht mit der linken, sondern der rechten Hand alleine spielen zu müssen – der Bewegungsablauf wäre weitaus weniger harmonisch!
 
Die technische, strukturelle Verwirklichung dieses Werkes mit nur einer Hand, die meisterliche Verquickung verschiedenster Artikulationen in einer Hand und die Schaffung eines Klangraums, der von dem eines kompletten, zweihändigen Klaviersatzes nicht mehr zu unterscheiden sein soll, ist für Pianisten natürlich eine besondere Herausforderung– die Hauptmotivation, das Werk zu spielen, liegt aber für mich als Interpret in der Faszination seiner unglaublichen Intensität, Kraft, Sinnlichkeit, Exotik und Schönheit!
 
 
 

Andreas Woyke, im Februar 2005 ©